Wie aus einer alten Agrarfläche ein Ort für Begegnung, Erholung und Vielfalt wurde

Ein Gespräch mit Landschaftsarchitektin Marita Zinth

Zwischen wilden Blumen, Obstbäumen und alten Dachziegeln liegt heute das, was einmal eine landwirtschaftlich genutzte Fläche war: der Garten von d’Kammer.
Was hier entstanden ist, ist mehr als ein schön gestalteter Außenbereich – es ist ein Ort mit Haltung. Einer, der Ruhe schenkt, zum Spielen einlädt, Vielfalt fördert – und die Natur nicht als Kulisse, sondern als betretbare Bühne versteht.
Wir haben mit Marita Zinth gesprochen, Landschaftsarchitektin und Planerin des d’Kammer-Gartens – über Weitblick, Wiesen, Wiederverwendung und die Kraft der leisen Gestaltung.

„Dieses Grundstück war ein Schatz – von Anfang an.“

Schon beim ersten Besuch auf dem Gelände war für Marita klar: Diese Fläche birgt Potenzial. Nicht nur wegen ihrer Größe, sondern wegen der Geschichte, die sie erzählt. „Diese Streuobstwiese war der Anfang – ein riesiger Schatz für vielfältigste Nutzungsansprüche“, sagt sie. „Da steckt so viel drin. Man kann darin spielen, sich zurückziehen, gemeinsam sein – oder ganz für sich. Und man kann sie gestalten, ohne sie zu überformen.“

Ein entscheidender Gedanke zog sich von Beginn an durch die Planung: Die Grünfläche sollte Garten werden. Deshalb wurden alle Verkehrsflächen – Parkplätze, Wege – so weit wie möglich an den Rand gelegt. „Ich wollte, dass der Garten sich den Gästen wirklich erschließt – vom ersten Moment an. Die Promenade entlang des Gebäudes führt zum Haupteingang, auf diesem Weg gibt es schon erste visuelle Entdeckungen. Gleichzeitig wird die Gemeinschaftsterrasse durch eine hüfthohe Hecke und eine Birkenreihe vom öffentlichen Bereich abgetrennt – das gibt den Gästen Schutz, ohne sich zu verschließen.“

Aus Alt mach Seele: Was der Ort schon hatte, wurde aufgenommen​

Viele Elemente im Garten bestehen schon lange – nur eben in anderer Form. Die vielleicht eindrücklichste Umwandlung: das ehemalige Fahrsilo. Heute ist es die zentrale Gemeinschaftsterrasse. „Für mich war sofort klar: Das wird der Treffpunkt. Da hat man den Überblick. Und von dort aus kann man sich vereinzeln – oder zurückkehren.“

Solche Transformationen ziehen sich durch das gesamte Gelände. Vorhandene Materialien wurden bewusst wiederverwendet. „Das kiesige Material, das wir beim Aushub gefunden haben, konnte als Unterbau genutzt werden. Und die alten roten Ziegel, die beim Neubau des Dachs übrig waren, haben wir vor Ort zerkleinert – sie bilden nun die Deckschicht des Rundwegs. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Streuobstwiese.“

So wird nicht nur sichtbar nachhaltig gearbeitet – es entsteht auch ein starker Bezug zum Ort selbst. Alles, was hier neu ist, war schon da. Nur anders.

 

Ein Garten als Lebensraum – für Mensch und Natur

Die Streuobstwiese bildet das Herzstück des Gartens – und gleichzeitig einen wichtigen Lebensraum für Flora und Fauna. „Hier geht es nicht nur ums schön Aussehen. Wir wollen Artenvielfalt ermöglichen. Damit sich Kräuter und Gräser aussamen können, mähen wir höchstens zweimal im Jahr.“

In die Wildwiese sind kleine, gemähte Rückzugsinseln eingeschrieben. „Auch das ist Teil des Konzepts: Die Gäste sollen nicht nur Betrachter der Fläche sein, sondern Teil davon werden. Die Wiese darf sich entfalten – und wir mittendrin.“

Ergänzt wird das Ganze durch Gastbienenkästen, die nicht nur für die Bestäubung der Obstbäume sorgen, sondern auch zur hauseigenen Honigproduktion beitragen. „Das ist ein süßer Nebeneffekt“, sagt Marita mit einem Lächeln.

Zwei Terrassen, zwei Stimmungen – und ein Garten, der verbindet

Wie gelingt es, dass sich in diesem Garten Familien, Paare und Retreat-Gruppen gleichermaßen wohlfühlen? Für Marita liegt die Antwort in der Zonierung.
„Durch die Größe der Fläche und die klare Gliederung ist es gut möglich, dass ganz unterschiedliche Menschen parallel hier ihre Zeit genießen. Es gibt ruhige, zurückgezogene Bereiche – wie die Raseninseln oder die Appartements mit eigener Terrasse. Gleichzeitig laden die großen Flächen, die Boulebahn, der Bolzplatz und die zentrale Terrasse zum Miteinander ein.“

Wichtig dabei: Es gibt nicht die eine Terrasse – sondern zwei mit ganz eigenem Charakter.
Vorne, auf der Südseite, liegt die Frühstücksterrasse. Hier beginnt der Tag für alle Gäste – gemeinsam, mit Blick in die Morgensonne.

Hinten, auf der Westseite, dort wo früher das Fahrsilo stand, lädt die große Gemeinschaftsterrasse dazu ein, zusammenzukommen oder sich mit einem Glas Wein in die Loungemöbel zurückzuziehen.

Der Spielbereich wurde bewusst leicht abgerückt, ist aber immer noch in Sichtweite – so können Eltern in Ruhe sitzen und trotzdem ein Auge auf die Kinder haben. Auch die Sauna ist so platziert, dass sie Rückzug ermöglicht.

 

Der Garten im Rhythmus des Jahres

Der Garten verändert sich im Laufe des Jahres deutlich – und das ist ausdrücklich so gewollt. Frühling, Sommer, Herbst und Winter haben je ihren eigenen Auftritt.

„Im Frühling grünt alles, die Obstbaumblüte beginnt, die ersten Zwiebelpflanzen kündigen den Sommer an. Im Hochsommer blühen die Stauden, die Wiese entfaltet ihre ganze Pracht. Und wenn dann im Spätsommer gemäht wird, verändert sich das Bild komplett – auf einmal sieht man, wie weit das Grundstück eigentlich reicht.“

Im Herbst leuchtet das Obst, die Hecken verfärben sich, die Strukturen treten wieder stärker hervor. Und im Winter? Da bildet der Schnee mit den Stauden und Hecken ein ganz eigenes Bild.

Ein Ort, der bleibt – und wirkt

Auf die Frage, was sie sich für die Gäste wünscht, antwortet Marita ohne Zögern:
„Dass sie spüren, wie wenig es manchmal braucht, um wirklich zur Ruhe zu kommen. Dass sie hier einfach da sein dürfen. Ohne Programm. Ohne Ablenkung. Nur mit Blick in die Natur.
Ihr persönlicher Lieblingsplatz ist übrigens genau dort: auf der großen Terrasse, dem ehemaligen Fahrsilo. Mit Blick auf den Garten, den Brunnen zur Seite, die Hecke im Rücken. „Da sitze ich gerne und lasse den Blick schweifen. Mehr braucht’s gar nicht.“